No-Code & Web-Entwicklung

Vibecoding für Websites: Revolution oder nur der nächste No-Code-Hype?

30
·
09
·
2026
Vibecoding für Websites: Revolution oder nur der nächste No-Code-Hype?

Eine Website erstellen, ohne selbst programmieren zu können? Diese Idee ist nicht neu. Content-Management-Systeme, Website-Builder und No-Code-Plattformen haben die technische Einstiegshürde in den vergangenen Jahren immer weiter gesenkt. Mit Vibecoding geht diese Entwicklung nun einen Schritt weiter. Statt eine Website ausschliesslich über ein Interface zusammenzustellen oder jede Funktion selbst zu programmieren, beschreibt man einer Artificial Intelligence (AI), was entstehen soll. Die AI generiert daraufhin Code, erstellt Komponenten, korrigiert Fehler und entwickelt die Anwendung über einen Dialog weiter.

Was vor wenigen Jahren noch nach Zukunftsmusik klang, funktioniert heute erstaunlich gut. Aus einer Anweisung wie «Erstelle mir eine responsive Website für eine Schweizer Beratungsfirma mit Navigation, Case Studies und einem mehrstufigen Formular» kann innerhalb kurzer Zeit eine funktionierende erste Version entstehen. Genau das macht Vibecoding so interessant: Die Distanz zwischen einer Idee und ihrer technischen Umsetzung wird deutlich kleiner.

Gleichzeitig wirft diese Entwicklung eine wichtige Frage auf. Wenn AI Websites und Web-Applikationen programmieren kann, spielt die Wahl der technischen Plattform überhaupt noch eine Rolle? Aus unserer Sicht sogar mehr denn je. Je mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, desto wichtiger wird es, zuerst die Anforderungen eines Projekts zu verstehen und erst danach die passende technische Basis zu definieren.

Die entscheidende Frage ist nicht, mit welchem Tool eine Website gebaut wird. Entscheidend ist, welche technische Lösung zu den Anforderungen des Unternehmens passt.

Was bedeutet Vibecoding eigentlich?

Vibecoding beschreibt eine Form der Softwareentwicklung, bei der nicht mehr jede Codezeile manuell geschrieben werden muss. Stattdessen erklärt der Mensch einer AI in natürlicher Sprache, welches Ergebnis er erreichen möchte. Die AI übersetzt diese Beschreibung in Code und passt diesen auf Basis weiterer Anweisungen laufend an.

Beim klassischen Coding könnte ein Entwickler eine Komponente selbst aufbauen. Beim Vibecoding würde die Anweisung eher so aussehen:

Erstelle eine responsive Hero Section.

Links steht eine H1 mit maximal 60 Zeichen und darunter
ein kurzer Einführungstext. Rechts befindet sich ein Bild.

Auf Mobile soll das Bild unter dem Text erscheinen.
Nutze semantisches HTML und achte auf Accessibility.

Die AI interpretiert diese Anforderungen und generiert daraus den entsprechenden Code. Anschliessend lässt sich das Resultat weiter verfeinern. Abstände können angepasst, Datenquellen angebunden oder Interaktionen ergänzt werden.

Der grundlegende Unterschied liegt also nicht darin, dass kein Code mehr existiert. Vielmehr verändert sich, wie direkt der Mensch mit diesem Code arbeiten muss. Die Rolle verschiebt sich stärker vom Schreiben zum Steuern, Prüfen und Entscheiden.

Vibecoding ist ein zusätzlicher Weg zur Umsetzung

Neue Webtechnologien werden schnell als Ersatz für bestehende Lösungen dargestellt. Genau das greift bei Vibecoding zu kurz. Es ist nicht einfach die nächste Plattform, die alle anderen ablöst, sondern eine zusätzliche Möglichkeit, Websites und digitale Produkte umzusetzen.

Ein Website-Projekt kann heute auf sehr unterschiedliche Arten entstehen. Je nach Anforderungen kann ein klassisches CMS sinnvoll sein, eine visuelle Entwicklungsplattform, ein Headless-Setup, eine individuell entwickelte Lösung oder eine Kombination verschiedener Systeme. Vibecoding erweitert diese Auswahl zusätzlich, weil individuelle Entwicklung schneller und in manchen Fällen auch wirtschaftlicher wird.

Dabei geht es nicht darum, eine Technologie grundsätzlich über eine andere zu stellen. Ein redaktionell geprägtes Portal mit vielen Autoren hat andere Anforderungen als eine kleine Unternehmenswebsite. Ein internationales Unternehmen mit mehreren Märkten benötigt andere Strukturen als ein Start-up mit einer Landingpage. Und eine Plattform mit Login, Datenverarbeitung und komplexen Workflows stellt nochmals andere technische Anforderungen.

Technologie sollte das Resultat einer Anforderungsanalyse sein, nicht der Ausgangspunkt eines Website-Projekts.

Genau darin liegt für uns der wichtigere Effekt von Vibecoding. Die Technologieentscheidung wird nicht unwichtiger, sondern differenzierter. Der Werkzeugkasten wird grösser, damit steigt aber auch die Verantwortung, bewusst auszuwählen.

Warum Vibecoding so attraktiv ist

Der offensichtlichste Vorteil ist Geschwindigkeit. Ein funktionierender Prototyp, für den früher mehrere Stunden oder Tage Entwicklung notwendig gewesen wären, kann heute innerhalb sehr kurzer Zeit entstehen. Gerade in frühen Projektphasen verändert das die Möglichkeiten enorm.

Eine Idee muss nicht mehr vollständig spezifiziert werden, bevor sie ausprobiert werden kann. Statt lange darüber zu diskutieren, wie eine bestimmte Funktion aussehen oder funktionieren könnte, lässt sich relativ schnell eine erste Version entwickeln und testen.

Besonders interessant ist Vibecoding deshalb für:

  • schnelle Prototypen und Proof of Concepts
  • interaktive Rechner oder Konfiguratoren
  • komplexere Formulare
  • kleine Web-Applikationen
  • Datenvisualisierungen
  • interne Tools
  • individuelle Integrationen
  • spezifische Automationen

Der wichtigste Vorteil liegt dabei nicht zwingend darin, dass weniger entwickelt werden muss. Viel interessanter ist, dass schneller herausgefunden werden kann, was überhaupt entwickelt werden sollte.

Ein komplexer Filter muss beispielsweise nicht nur in Figma simuliert werden, sondern kann direkt mit realistischen Daten getestet werden. Ein mehrstufiger Prozess lässt sich tatsächlich durchlaufen. Eine ungewöhnliche Navigation kann nicht nur gezeigt, sondern ausprobiert werden. Dadurch wird die Diskussion über digitale Lösungen konkreter und weniger theoretisch.

AI reduziert nicht nur Entwicklungsaufwand. Sie reduziert die Kosten, eine Idee auszuprobieren und wieder zu verwerfen.

Eine funktionierende Website ist noch keine gute Website

Der beeindruckendste Moment beim Vibecoding ist häufig der Anfang. Eine Beschreibung wird eingegeben und kurz darauf erscheint eine funktionierende Anwendung im Browser. Navigation, Animationen, Formulare und responsive Layouts sind bereits vorhanden.

Die eigentliche Komplexität eines professionellen Website-Projekts zeigt sich jedoch meist später. Welche Informationen benötigt die Zielgruppe? Wie werden Inhalte strukturiert? Welche Seiten müssen über Suchmaschinen gefunden werden? Wer pflegt die Inhalte nach dem Launch? Wie funktioniert Mehrsprachigkeit? Welche Systeme müssen angebunden werden? Welche Anforderungen bestehen an Sicherheit, Datenschutz, Performance und Accessibility?

Diese Fragen lassen sich nicht allein durch schnelleren Code beantworten. Eine gute technische Basis entsteht deshalb nicht durch die Wahl des modernsten Tools, sondern durch das Verständnis des Nutzungskontexts.

Gerade bei Unternehmenswebsites ist das entscheidend. Ein System kann technisch elegant sein und trotzdem nicht zum Alltag des Kunden passen. Wenn ein Marketingteam für jede Inhaltsänderung einen Entwickler benötigt, ist die Lösung möglicherweise falsch gewählt. Umgekehrt kann ein sehr einfaches Website-System schnell an Grenzen kommen, wenn komplexe Daten, Logins oder individuelle Prozesse benötigt werden.

Der Engpass verschiebt sich vom Code zur Entscheidung

Code wird durch AI schneller verfügbar. Damit verschiebt sich der Engpass eines Projekts. Wenn mehrere technische Varianten innerhalb kurzer Zeit umgesetzt werden können, wird die Frage wichtiger, welche davon sinnvoll ist.

Früher war eine bestimmte Idee manchmal allein deshalb ausgeschlossen, weil ihre technische Umsetzung unverhältnismässig teuer gewesen wäre. Heute können deutlich mehr Optionen realistisch getestet werden. Das erhöht die Freiheit, aber gleichzeitig auch die Verantwortung bei der Auswahl.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Können wir das bauen? Sie lautet immer häufiger: Sollten wir es so bauen?

Je einfacher technische Lösungen erzeugt werden können, desto wichtiger wird die Fähigkeit, zwischen ihnen zu entscheiden.

Genau darin liegt aus unserer Sicht künftig ein wesentlicher Teil guter digitaler Beratung. Eine Agentur sollte nicht mit einer bevorzugten Plattform in ein Projekt starten, sondern mit den richtigen Fragen.

Die richtige Plattform beginnt mit den Anforderungen

Bevor über konkrete Technologien gesprochen wird, sollten zuerst die tatsächlichen Anforderungen des Unternehmens geklärt werden. Dazu gehören nicht nur Design und Funktionen, sondern auch interne Prozesse, Content Management, technische Ressourcen und die geplante Weiterentwicklung der Website.

Wichtige Fragen sind beispielsweise:

  • Wer arbeitet später mit der Website?
  • Wie häufig werden Inhalte verändert?
  • Wie viele Sprachen und Märkte müssen verwaltet werden?
  • Welche Anforderungen bestehen an SEO?
  • Welche externen Systeme müssen integriert werden?
  • Braucht es Logins, personalisierte Inhalte oder komplexe Datenstrukturen?
  • Welche internen technischen Ressourcen stehen zur Verfügung?
  • Welche Anforderungen bestehen an Hosting, Datenschutz oder Datenstandort?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Plattform in den kommenden Jahren stark erweitert?

Erst auf dieser Grundlage sollte entschieden werden, welche technische Architektur sinnvoll ist. Für ein Projekt kann eine visuelle Plattform ideal sein, für ein anderes ein etabliertes CMS, ein Headless-Setup oder eine individuell entwickelte Lösung.

Das Ziel sollte deshalb nicht sein, möglichst viele Projekte mit derselben Technologie umzusetzen. Das Ziel sollte sein, für jedes Projekt die passende technische Komplexität zu finden.

Vibecoding macht individuelle Lösungen wirtschaftlicher

Ein besonders spannender Effekt von Vibecoding liegt darin, dass individuelle Entwicklung wirtschaftlich attraktiver werden kann. Bisher wurden viele Funktionen über Plugins, Drittanbieter-Tools oder Workarounds gelöst, weil eine saubere Individualentwicklung zu aufwendig gewesen wäre.

Wenn AI grosse Teile der Entwicklung beschleunigt, verschiebt sich diese Grenze. Eine spezifische Funktion kann plötzlich einfacher individuell entwickelt werden, anstatt ein bestehendes System kompliziert anzupassen.

Das bedeutet nicht, dass jede Website individuell programmiert werden sollte. Vielmehr entstehen mehr hybride Lösungen. Eine Website kann beispielsweise ein etabliertes CMS für redaktionelle Inhalte verwenden und gleichzeitig einen spezifischen Rechner individuell entwickeln. Eine andere Plattform verbindet ein Content-System mit einem separaten Kundenportal oder einer spezialisierten E-Commerce-Lösung.

Die Vorstellung, eine komplette Website müsse zwingend in einem einzigen System entstehen, wird dadurch weniger relevant.

Eine gute digitale Architektur kombiniert nur so viel Technologie wie nötig und so wenig Komplexität wie möglich.

Gerade deshalb braucht es weiterhin eine saubere Architektur. Mehr Möglichkeiten sind nur dann ein Vorteil, wenn sie bewusst eingesetzt werden.

Was bei einer professionellen Website weiterhin zählt

Unabhängig davon, ob Code durch einen Entwickler, eine AI oder eine Kombination aus beidem erstellt wurde, bleiben die Anforderungen an eine professionelle Website dieselben. Die Geschwindigkeit der Entwicklung verändert nicht die Verantwortung für das Resultat.

Wartbarkeit, SEO, Performance, Accessibility, Security, Datenschutz und Skalierbarkeit bleiben zentrale Themen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie einfach die Website im Alltag tatsächlich zu bedienen ist und ob ein anderes Team das Projekt später übernehmen kann.

Auch Ownership wird wichtiger. Wem gehören Code, Daten und Infrastruktur? Welche Abhängigkeiten bestehen von Drittanbietern? Wie leicht kann ein System in einigen Jahren weiterentwickelt oder migriert werden?

Diese Fragen wirken weniger spektakulär als ein AI-generierter Prototyp. Für den langfristigen Erfolg einer Website sind sie jedoch entscheidend.

Was Vibecoding für Webagenturen verändert

Wenn technische Umsetzung schneller wird, verändert sich zwangsläufig auch die Rolle von Webagenturen. Eine Agentur, die sich hauptsächlich darüber definiert, eine bestimmte Plattform besonders gut bedienen zu können, dürfte langfristig weniger relevant werden.

Wichtiger wird die Fähigkeit, verschiedene Technologien neutral zu beurteilen und daraus eine passende Lösung zu entwickeln. Eine Agentur sollte nicht mit der Antwort in ein Projekt starten, sondern mit den richtigen Fragen: Welche Geschäftsziele verfolgt die Website? Welche Prozesse müssen berücksichtigt werden? Wer pflegt die Inhalte? Welche Systeme bestehen bereits? Welche Funktionen werden wirklich benötigt? Wie soll sich die Plattform in den kommenden Jahren entwickeln?

Erst danach wird die Technologie gewählt.

Die Zukunft einer Webagentur liegt weniger darin, eine Plattform zu verkaufen, sondern darin, die richtige digitale Lösung zu definieren und umzusetzen.

Für Kunden ist das langfristig ebenfalls sinnvoller. Sie erhalten keine Website, die auf die bevorzugte Technologie der Agentur zugeschnitten ist, sondern eine Lösung, die sich an den tatsächlichen Anforderungen des Projekts orientiert.

Revolution oder nur der nächste Hype?

Vibecoding ist sicherlich von einem gewissen Hype umgeben. Die Vorstellung, dass komplette Unternehmensplattformen künftig langfristig nur noch über ein paar Prompts betrieben werden, greift zu kurz. Ein überzeugender Prototyp und eine robuste, wartbare digitale Plattform sind zwei unterschiedliche Dinge.

Trotzdem spricht wenig dafür, dass die zugrunde liegende Entwicklung wieder verschwinden wird. AI wird zu einem normalen Bestandteil von Design und Entwicklung. Die konkreten Tools werden sich verändern, neue Anbieter werden entstehen und andere wieder verschwinden. Der grundsätzliche Trend bleibt jedoch bestehen: Der Abstand zwischen einer Idee und ihrer technischen Umsetzung wird kleiner.

Für Unternehmen ist deshalb weniger entscheidend, ob eine Lösung als Vibecoding, No-Code, Low-Code oder klassische Entwicklung bezeichnet wird. Entscheidend ist, ob sie zum Projekt passt, langfristig betrieben werden kann und die Anforderungen des Unternehmens erfüllt.

Wir glauben deshalb nicht, dass die Zukunft des Webs einer bestimmten Plattform gehört. Wahrscheinlicher ist eine technologieoffenere Landschaft, in der unterschiedliche Systeme miteinander kombiniert werden und AI dabei hilft, individuelle Lösungen schneller umzusetzen.

Eine Website sollte deshalb nicht mit der Frage beginnen: «Welche Plattform möchten wir verwenden?» Die bessere Frage lautet: «Was muss unsere Website heute können und welche Anforderungen werden wir in den kommenden Jahren haben?»

Die beste Plattform ist nicht die modernste oder bekannteste. Es ist diejenige, die den Anforderungen eines Projekts entspricht, ohne unnötige Komplexität zu schaffen.

Vibecoding verändert damit nicht nur, wie Websites gebaut werden. Es verstärkt vor allem eine Entwicklung, die aus unserer Sicht ohnehin notwendig ist: weg vom Denken in einzelnen Tools und hin zu einer technologieoffenen Betrachtung digitaler Plattformen.

Denn am Ende interessiert Nutzer nicht, welches CMS, Framework oder AI-Tool im Hintergrund arbeitet. Die Website muss verständlich sein, schnell funktionieren, gefunden werden, effizient gepflegt werden können und ihre geschäftliche Aufgabe erfüllen. Wie sie technisch dorthin kommt, sollte eine bewusste Entscheidung sein.

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